Das Klein-Chicago-Ländchen

Serie „Denkmal Grüngürtel“, Teil 8: Wie es zu diesem „Ehrennamen“ kam
Es war ein Moment, den man so wohl nirgendwo anders erleben würde: 2013 feierte der Dürener Grüngürtel sein 100-jähriges Bestehen. Nachdem der feierliche Festgottesdienst beendet und der letzte Akkord von „Großer Gott, wir loben Dich“ in St. Antonius verklungen war, stimmte die Gemeinde geschlossen die „heimliche Nationalhymne“ des Viertels an: das Lied vom „Klein-Chicago-Ländchen“. Dieser Übergang vom würdevollen Kirchenlied zum stolzen Bekenntnis über den „verweg’nen Burschen“ zeigt: Die Menschen im Osten Dürens tragen ihre Geschichte mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein – und viel Schalk im Nacken.
Ein Name mit vielen Vätern
Doch woher kommt dieser Name eigentlich? Man muss sich nicht auf ein exaktes Datum festlegen, um die Entstehung zu verstehen. Erste Vergleiche mit der berüchtigten US-Metropole Chicago kamen wohl schon in den unruhigen 1920er Jahren auf, als die Stadt am Michigansee weltweit als Sinnbild für Gesetzlosigkeit galt. In der kollektiven Erinnerung und im täglichen Sprachgebrauch manifestierte sich der Name jedoch endgültig in der harten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Warum gerade „Chicago“? Wahrscheinlich war es eine Mischung aus vielen Faktoren, die den Namen im Laufe der Jahrzehnte verfestigte.
- Der Überlebenskampf: Die unmittelbare Nähe zu den Bahngleisen machte das Viertel in Notzeiten zum Schauplatz für den sogenannten „Kohlenklau“. Was für die Behörden Diebstahl war, bedeutete für die Bewohner oft schlicht das Überleben im Winter.
- Die Wehrhaftigkeit: Polizeiberichte aus verschiedenen Epochen zeugen von einem Viertel, das eine gewisse Eigenwilligkeit an den Tag legte – um für die Kriminalitätsstatistik aus diesen Tagen eine wohlwollende Bezeichnung zu wählen. Man sagt, die Ordnungshüter hätten das Quartier oft nur mit Vorbehalt betreten, da die Bewohner bei Kontrollen oder Festnahmen solidarisch zusammenstanden.
- Der besondere Spirit: Es war dieser Mix aus sozialer Not und einem fast unerschütterlichen Zusammenhalt gegen „die da oben“, der die perfekte Steilvorlage für den Vergleich mit einer „verwegenen“ Stadt lieferte.
Es war ein Etikett, das oft von außen vergeben wurde, um das raue Klima der damaligen Jahre zu beschreiben – doch die Grüngürtler machten es sich bald zu eigen.
Harter Alltag und Geborgenheit
Die psychologische Wendung ist dabei das eigentlich Besondere: Die Bewohner nahmen den spöttisch gemeinten Vergleich auf und „zähmten“ ihn durch das rheinische „Ländche“. Aus dem gefährlichen Chicago wurde das vertraute Klein-Chicago-Ländchen – eine Identität, die den harten Alltag mit der Geborgenheit der Siedlung verband.
Die Hymne, die 2013 in der Kirche erklang, ist das beste Zeugnis dafür: Der „verweg’ne Bursche“ ist hier kein Krimineller, sondern ein Symbol für den Eigensinn und die Standhaftigkeit eines Viertels, das sich nicht verbiegen lässt. Der Grüngürtel ist damit weit mehr als ein Baudenkmal aus Stein – er ist ein Denkmal für die Fähigkeit einer Gemeinschaft, selbst ein Stigma in eine Hymne zu verwandeln.
Und hier zum Mitsingen …
„Im Klein-Chicago-Ländchen, da trieb ich mich umher. Als ganz verweg’ner Bursche, hab‘ keine Heimat mehr.

