Zerstörung und Wiederaufbau

Serie „Denkmal Grüngürtel“, Teil 5: Die Bomben des 16. November 1944 trafen das Viertel weitaus weniger als das Dürener Zentrum.
Warum der Dürener Grüngürtel heute als städtebauliches Juwel gilt, haben wir in unserer Serie bereits dargelegt. Im Licht der Tragödie des 16. November 1944 offenbart sich der wahre, beinahe museale Wert dieser Siedlung noch klarer. Denn während das Dürener Zentrum an diesem schwärzesten Tag der Stadtgeschichte durch die alliierten Luftangriffe fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde, blieb der Grüngürtel als einziges zusammenhängendes Viertel in weiten Teilen verschont. Doch auch in dieser so besonderen Siedlung hat das Bombardement durch die Royal Air Force Spuren hinterlassen.
Schoellerstraße in Trümmern
Dass der Dürener Grüngürtel heute noch in dieser Form existiert, verdankt er seiner Lage: Die Distanz zum Zentrum und den Industriestandorten rettete viele der charakteristischen Gebäude vor dem Bombenhagel. Dennoch kam das Viertel nicht völlig ungeschoren davon. So wurde die Schoellerstraße am westlichen Rand der Siedlung beinahe komplett in Trümmer gelegt. Dort standen bis zu jenem 16. November Häuser, die aus den Anfängen der Grüngürtel-Bebauung stammten und genau baugleich mit denen waren, die auch heute noch an der Scharnhorststraße 145-151 zu sehen sind. Auch den Meiringplatz trafen jene alliierten Luftangriffe, die schließlich das Ende des von Nazi-Deutschland entfesselten Weltkriegs herbeiführten. Das so genannte Bügeleisen und der links daran grenzende Bau blieben erhalten, das rechte Nachbargebäude wurde komplett zerstört.
Die Mammutaufgabe „Schuttberge abtragen“
Es existieren Quellen, die auch dem massiven Klinkerbau im Grüngürtel das Verdienst zuschreiben, Bausubstanz gerettet zu haben, die bei einer anderen Bauweise trotz der Randlage des Viertels verloren gegangen wäre. Womöglich war das ein weiterer Grund dafür, warum im Grüngürtel die Herausforderungen des Wiederaufbaus nicht die gleichen waren wie im Dürener Zentrum, das gleichsam neu erschaffen werden musste. Als die ersten Dürener Ende Februar 1945 in die zerstörte Stadt zurückkehrten, trafen sie auf gewaltige Trümmerberge. Von den Wohn- und Geschäftsräumen waren nicht einmal zehn Prozent in einem halbwegs nutzbaren Zustand. So standen jedem einzelnen der fast 30.000 Menschen, die binnen eines Jahres zurückkehrten, gerade einmal fünf Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Und daran sollte und konnte sich auch für längere Zeit nichts ändern. Denn das Abtragen der Schuttberge war eine Mammutaufgabe, für die erst einmal die logistischen Voraussetzungen geschaffen werden mussten. Nach dieser gewaltigen Herausforderung musste das Kanalnetz neu angelegt werden, bevor schließlich mit dem Wiederaufbau im eigentlichen Sinne begonnen werden konnte.
Der Bauverein übernimmt Verantwortung
Der Dürener Bauverein übernahm dabei ein großes Stück Verantwortung. 1949 begann er als einer der ersten Bauherren damit, im großen Umfang neuen Wohnraum für die Dürenerinnen und Dürener zu schaffen. Innerhalb von nur drei Jahren entstanden 59 Häuser mit 348 Wohnungen an der Eberhard-Hoesch-, List-, Hans-Böckler- und Girbelsrather Straße, in der Pletzer- und der Jesuitengasse, am Pletzerturm und am Bongard. Und selbstverständlich wurde der Bauverein auch in seiner Heimat, dem Grüngürtel, so schnell wie möglich aktiv. Bei der Verlegung des neuen Kanalnetzes hatte das Zentrum der Stadt natürlich Vorrang vor den Rändern. Aber schon 1950 fiel der Startschuss für den Neubau eines „Volkswohnungsblocks“ mit 72 Wohnungen an der Schoellerstraße. Es war nicht die Zeit, in der man sich im Grüngürtel Gedanken über die Baustile machen konnte, in der Traditionalismus, Expressionismus oder Funktionalismus (siehe Teil 2 unserer Serie) bei der Reparatur von Kriegsschäden oder dem Bau neuen Wohnraums eine Rolle spielten. So folgte der Wiederaufbau und die Erweiterung nicht immer dem harmonischen Plan der Gründerväter. Und so blieb es auch nicht aus, dass in den folgenden Jahrzehnten durch Renovierungsarbeiten der Hauseigentümer die alte Formensprache weiter verwässert wurde und teilweise verloren zu gehen drohte.
Wie die Stadt Düren 1988 den „Rettungsanker“ warf, berichten wir in der nächsten Folge unserer Serie.

