Die Vision der Gartenstadt
Serie „Denkmal Grüngürtel“, Teil 4: Was der Name der Siedlung uns sagen will
Warum heißt der Grüngürtel eigentlich Grüngürtel? Dumme Frage, könnte man meinen. Denn es sieht ja jeder, der mit offenen Augen durch die Siedlung geht, worauf der Name beruht. Vielleicht nicht unbedingt in diesen Wintertagen. Aber wenn die Natur im Frühjahr wieder erwacht, kann niemand bezweifeln, dass der Dürener Grüngürtel seinem Namen alle Ehre macht. Da wir uns in unserer Serie aber etwas genauer mit diesem städtebaulichen Juwel befassen, reicht uns der einfache Verweis auf das viele Grün im
Viertel nicht aus. Wir begeben uns daher wieder zurück zu den Anfängen im frühen 20. Jahrhundert und landen bei der Gartenstadtbewegung.
Damals herrschten in vielen Industriestädten Europas katastrophale Wohnbedingungen. Enge, dunkle Mietskasernen und Ruß in der Luft prägten das Leben der Arbeiterfamilien. Das 1892 von Ebenezer Howard in England entwickelte Modell der „Gartenstadt“ war die radikale Antwort darauf. Angestrebt wurde eine Synthese aus Stadt- und Landleben, um den negativen Folgen der Industrialisierung entgegenzuwirken. Eine Gartenstadt sollte kreisförmig angelegt sein, eine begrenzte Einwohnerzahl haben und von einem Grüngürtel für Landwirtschaft und Erholung umgeben sein. Als in Düren eine Antwort auf die Wohnungsnot der viel zu schnell wachsenden Bevölkerung gesucht wurde, adaptierte Stadtbaumeister Heinrich Dauer Ebenezer Howards Ideen für den deutschen Kontext. Howard lieferte das internationale Leitbild der „Garden City“, während Dauer dieses Leitbild im Zuge der deutschen Reformarchitektur in reale Stadtviertel übersetzte.
Auch wenn der Grüngürtel manchmal als Musterbeispiel für die Gartenstadtbewegung in Deutschland bezeichnet wird, unterscheidet sich die Dürener Umsetzung der Vision in einem Punkt entscheidend vom „Original“: Eine echte Gartenstadt nach Howard sollte eine eigenständige, von einem Agrargürtel umgebene Stadt am Rand einer Metropole mit eigenen Arbeitsplätzen sein. Der Grüngürtel in Düren war hingegen von Anfang an als reine Wohnsiedlung am Stadtrand konzipiert, deren Bewohner zur Arbeit in die Dürener Industrie pendelten.
Die Grundstruktur für die Erweiterung Dürens nach Osten wurden um die Jahrhundertwende im Stadtentwicklungsplan gelegt, den der Kölner Stadtbaumeister Hermann Josef Stübben federführend entwickelt hatte. Die konkreten Planungen Dauers sahen schließlich den namensgebenden breiten „grünen Gürtel“ um die Siedlung und zusammengefasste Hausgärten der einzelnen Blockparzellen vor. Sie dienten den Arbeiterfamilien als private Rückzugsräume und zur Selbstversorgung mit Obst und Gemüse. Auch die Haltung von Nutzvieh in kleineren Ställen war keine Seltenheit.
Auch wenn heute wohl niemand mehr Ziegen im Garten hält, prägt die ursprüngliche Planung nach den Ideen der Gartenstadt die Lebensqualität im Viertel bis heute. Die breiten Alleen, die großzügigen Grünanlagen und die Durchblicke in die grünen Innenhöfe sind Zeugen historischer stadtplanerischer Visionen und zugleich Grundlage für eine Wohn- und Lebensqualität, die auch heute noch ihre besonderen Reize hat.


