Ein charmantes Verständigungsproblem

Serie „Gut zu wissen!“, Teil 2: Was meint die ältere Generation im Grüngürtel, wenn sie jemanden „zur Siedlung“ schickt?
Der Dürener Grüngürtel ist ein besonderes Pflaster. Hier mischt sich Tradition mit Moderne: Er ist gleichermaßen die geliebte Heimat für Alteingesessene, die hier jeden Stein und jeden Baum kennen, und ein attraktiver Wohnort für junge, moderne Familien, die die Ruhe und die Architektur schätzen. Das Miteinander funktioniert prächtig – man grüßt sich, man hilft sich.
Doch ab und zu gibt es ein charmantes kleines Verständigungsproblem zwischen den Generationen. Nämlich dann, wenn ein alteingesessener Nachbar einem jungen Vater oder einer neuen Mieterin einen gut gemeinten Rat gibt: „Da musst du dich mal an die Siedlung wenden!“ oder „Geh mal zur Siedlung, die helfen dir!“ Während die Älteren dabei ganz selbstverständlich in Richtung Grüngürtel 31 nicken, stehen die Jüngeren oft ein wenig ratlos da. In ihrem Stadtplan oder im Smartphone findet sich kein Ort namens „Siedlung“. Wer zur „Siedlung“ geschickt wird, soll beim Dürener Bauverein landen. Aber warum nennen die Profis im Viertel die Adresse dann anders?
Gemeinsame Geschichte von Bauverein und Genossenschaft
Hinter dem Wort „Siedlung“ verbirgt sich weit mehr als nur ein veralteter Name – er ist ein Stück lebendige Stadtgeschichte. Die Wurzeln reichen zurück in eine Zeit, als in Düren akute Wohnungsnot herrschte. 1902 wurde die Dürener Bauverein AG gegründet, 1913 folgte die Beamtenbaugenossenschaft. Beide Gründungen dienten dazu, die Not mit dem Bau zweckmäßiger Wohnungen zu mildern. 1919 wurde die Genossenschaft neu aufgestellt und erhielt den Namen „Siedlungsgenossenschaft für Stadt und Kreis Düren eGmbH“. Ziel der „Siedlung“, wie die Genossenschaft bald im Volksmund hieß, war es, kinderreichen und einkommensschwachen Familien gesunde und zweckentsprechend eingerichtete Wohnungen zu angemessenen Preisen anzubieten, um dadurch auch preisregelnd auf die allgemeinen Wohnverhältnisse einzuwirken. Die in die gleiche Richtung gehenden Aktivitäten von Bauverein und Genossenschaft führten dazu, dass 1937 beschlossen wurde, den Hausbesitz der Dürener Bauverein AG von der „Siedlungsgenossenschaft“ verwalten zu lassen. Nach dem Krieg wurde das Objekt „Grüngürtel 31“ (das frühere Metropol-Kino) Geschäftssitz der Genossenschaft, die zwischenzeitlich den noch heute aktuellen Namen „Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft für Stadt und Kreis Düren eG“ erhalten hatte. Für die Bevölkerung und insbesondere für die im Grüngürtel lebenden Menschen blieb die Geschäftsstelle aber schlicht „die Siedlung“.
Unerschütterlicher Sprachgebrauch
Das hat sich auch 1990 nicht geändert. Damals war eine große Steuerreform der Auslöser dafür, die Unternehmensstrukturen sozusagen auf den Kopf zu stellen. Nachdem die Dürener Bauverein AG ein halbes Jahrhundert lang ihre Geschäfte durch die Genossenschaft hatte besorgen lassen, kam es nun zum Rollentausch. Der Bauverein übernahm die Geschäfte der Genossenschaft und deren Mitarbeiter. Die Adresse Grüngürtel 31 blieb gleich. Und so blieb auch der Sprachgebrauch unerschütterlich: Für die Bewohner im Grüngürtel war es zweitrangig, ob Bauverein, Genossenschaft oder Aktiengesellschaft – wer ein Anliegen rund um seine Wohnung hatte, der ging „zur Siedlung“.
Wenn heute also ein junger Bewohner von einem älteren Nachbarn „zur Siedlung“ geschickt wird, ist das kein Zeichen von Verwirrung, sondern ein Zeichen von tiefer Verwurzelung. Es ist im Grunde eine Einladung, Teil einer über 100-jährigen Geschichte zu werden.


