Ein schräges Viertel

Serie „Denkmal Grüngürtel“, Teil 11: Warum der Grüngürtel architektonisch aus der Reihe tanzt

Der Grüngürtel war immer schon ein bisschen schräg. Und das nicht nur in seiner Zeit als „Klein-Chicago-Ländchen“. Auch architektonisch geht das Viertel eigene Wege: An vielen Stellen stehen Häuser schräg zur Straße. Die beiden Häuser Goebenstraße 55 und 64 sind dafür wohl das bekannteste Beispiel. Sie wurden um 45 Grad zur Straßenachse gedreht – und sind damit kein Einzelfall. Auch am Meiringplatz, an der Antoniusstraße oder bei den Häuserzeilen im südlichen Teil der Goebenstraße begegnet einem dieses Prinzip immer wieder.

Straßenräume mit ganz eigenem Charakter
Aber warum haben die Planer des Grüngürtels so viele Gebäude schräg gestellt? Anfang des 20. Jahrhunderts schossen in vielen Städten Straßenzüge mit endlosen geraden Häuserfronten aus dem Boden. Der Grüngürtel sollte bewusst anders aussehen. Seine Straßen sollten nicht eintönig wirken, sondern abwechslungsreich. Mal enger, mal weiter. Mal öffnet sich ein kleiner Platz, mal lenkt ein Gebäude den Blick in eine andere Richtung. Ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, war die ungewöhnliche Stellung einzelner Gebäude. So entstanden Blickachsen, kleine Platzsituationen und Straßenräume mit ganz eigenem Charakter.

Lebens- und liebenswürdig
Besonders gut lässt sich das an den beiden Häusern an der Goebenstraße erkennen. Zwischen ihnen verengt sich die Straße fast auf einen Spalt, bevor sie sich wenige Meter weiter wieder breit öffnet. Allein durch die außergewöhnliche Platzierung der Gebäude verändert sich der Eindruck des Straßenraums komplett. Er gewinnt Spannung, Finesse und somit eine ganz andere Aufenthaltsqualität. Nicht nur für die Kleinen, denen diese Gestaltung ideale Orte zum Spielen und Verstecken bot. Genau darum ging es den Planern um Stadtplaner Heinrich Dauer letztlich immer: Sie wollten sich kein Denkmal setzen, sondern ein lebens- und liebenswürdiges Viertel für die Menschen schaffen. Eines, das sich trotz aller Bescheidenheit in den Wohnverhältnissen deutlich von den Mietskasernen der damaligen Zeit abhebt.

Übergeordnetes Konzept
Nach dem gleichen „schrägen“ Prinzip entstanden auch andere Bereiche des Grüngürtels. So passen sich die Gebäude rund um den Meiringplatz der Platzform an und rahmen ihn ein. An der Antoniusstraße sorgen geschwungene Häuserzeilen für einen ganz anderen Straßenverlauf als in klassischen Wohnvierteln. Und auch die quer angeordneten Häuserzeilen im südlichen Teil der Goebenstraße zeigen, dass die ungewöhnliche Anordnung der Gebäude kein Zufall war, sondern Teil eines übergeordneten städtebaulichen Konzepts.

Die so auffällig schräg stehenden Häuser an der Goebenstraße und die anderen Gebäude, die die gerade Flucht verlassen, sind also keine architektonische Spielerei. Sie stehen stellvertretend für eine Idee, die den gesamten Grüngürtel prägt – als ein Viertel, das auch architektonisch ein bisschen aus der Reihe tanzt.