Und immer wieder Heimat

Serie „Denkmal Grüngürtel“, Teil 12: Ursula Schöppen (96) erinnert sich
Wenn Ursula Schöppen von früher erzählt, braucht es manchmal ein wenig Zeit. Namen scheinen vergessen und tauchen wieder auf. Straßen und Orte werden im Gespräch gemeinsam rekonstruiert. Tochter Karin und Schwiegersohn Helmut Möthrath helfen gelegentlich aus. Doch letztlich werden die Bilder immer wieder klar. Der Freiheitsplatz zum Beispiel. Hier wurde Ursula Schöppen vor 96 Jahren geboren. Im Haus mit der Nummer 41, das die Familie ein paar Jahre vorher als Neubau bezogen hatte.
Hilfe statt Neid
Es war ein kleines Haus für eine große Familie. Neun Kinder, wenig Platz. Die Jungen schliefen zusammen, die Mädchen ebenfalls. Privatsphäre gab es nicht. Aber offenbar hat sie auch nicht sonderlich gefehlt. „Hier waren alles arme Leute“, sagt sie über den Grüngürtel ihrer Kindheit. Was traurig klingen könnte, hört sich bei Ursula Schöppen ganz anders an. Sie beschreibt es als Basis für das Verbindende. Wenn niemand viel hatte, konnte sich auch niemand über den anderen stellen. Alle waren gleich. Neid kannte keiner. „Und wenn es dem einen mal am Lebensnotwendigen fehlte, dann gab es Hilfe vom Nachbarn“, erzählt die 96-Jährige.
Sie hat ein bewundernswertes, beinahe beneidenswertes Gedächtnis. Das wird deutlich, wenn sie die Geschäfte aufzählt, die es zu ihrer Kindheit im Grüngürtel gab. Den Metzger, der Becker hieß, Frau Ortmann, bei der es die wunderbaren Bonbon-Tüten gab, und viele andere Läden kennt sie noch mit Namen. „Wir Kinder trafen uns auf der Straße. Jeder kannte jeden. Hinter den Häusern wurde Gemüse angebaut. Wir hatten auch Kaninchen“, erinnert sich die Ureinwohnerin des Viertels, in dem sich für die Bewohner fast alles abspielte, was zum Alltag gehörte.
Ein früher Schicksalsschlag und der Krieg
Früh mussten Ursula Schöppen, ihr Vater und die Geschwister einen Schicksalsschlag hinnehmen. „Meine Mutter starb, als ich erst zwei Jahre alt war. Wie mein Vater es dann allein geschafft hat mit der Arbeit, dem Haus und den Kindern … unglaublich“. Sie wird nachdenklich. Und dann kommen die Gedanken an den Krieg.
Als Düren bombardiert wurde, war Ursula Schöppen ein 14-jähriges Mädchen. Noch heute erinnert sie sich an beinahe jede Einzelheit dieses Tages. Sie war mit einer Freundin unterwegs. Die Sonne schien. Am Himmel sahen sie Flugzeuge, die im Licht glänzten. Wenig später lag Ursula Schöppen unter Trümmern. Sie hatte Schutz im Keller eines Behördengebäudes an der Kuhgasse gesucht. Über ihr, erzählt sie, sei alles zusammengebrochen. Sie wartete. Sie hörte Stimmen. Eine Zeit lang dachte sie, es könnte ihr Ende sein. Doch dann konnte sie durch die Trümmer mit ihrem Arm nach oben greifen. Sie wurde gefunden und gerettet.
Ein anderes Zuhause
Es sind Erinnerungen aus einer Welt, die heute hier bei uns kaum noch vorstellbar ist. Die Familie wurde evakuiert und gelangte bis nach Niedersachsen. Nach dem Krieg ging es zu Fuß zurück nach Düren. Doch das Zuhause, das Ursula Schöppen kannte, hatte sich verändert. Während die Innenstadt in Trümmern lag, war der Grüngürtel zwar weitestgehend verschont geblieben. Doch ihr altes Haus war belegt, mehrere Familien hausten auf den wenigen Quadratmetern.
Mit ihrem Vater zog Ursula an die Scharnhorststraße. Die älteren Geschwister gingen schon eigene Wege. Und dann begann der Wiederaufbau. Auch Ursula Schöppen half mit. Sie erinnert sich daran, Steine geklopft zu haben – Trümmersteine, die gesäubert wurden, damit sie erneut zum Bauen verwendet werden konnten: „Mit unseren Steinen wurde die Bäckerei Fuchs an der Nideggener Straße gebaut.“ Stein für Stein entstand aus den Überresten der zerstörten Stadt ein neues Düren.
Ins „Exil“ nach Norddüren
Norddüren wurde für Ursula Schöppen als Ehefrau und Mutter von fünf Kindern für längere Zeit ihr neues Zuhause. Oder sollte man „Exil“ sagen? Denn es zog sie zurück in den Grüngürtel, in dem sie nun schon wieder seit Jahrzehnten wohnt. Heute in einem der so besonders schräg zur Straße gebauten Häuser an der Goebenstraße, in dem auch ihre Tochter Karin und Schwiegersohn Helmut wohnen, der selbst auf 72 Jahre im Grüngürtel zurückblicken kann.
Bindung über Generationen
Und wie hat sich dieses außergewöhnliche Viertel in all der Zeit verändert? „Die Geschäfte sind leider verschwunden“, fällt Ursula Schöppen als erstes ein. Und das selbstverständliche Treffen auf der Straße gebe es heute so nicht mehr. Tochter Karin beschreibt, wie früher Nachbarn vor den Häusern zusammensaßen und immer jemand dazukam. Heute sei das Miteinander nicht mehr dasselbe.
Doch an der engen Bindung der Familie Schöppen zum Grüngürtel konnte die Entwicklung nichts ändern. Denn auch in den nächsten Generationen entfaltet das Viertel offenbar eine magnetische Wirkung. Kinder, Enkel und Urenkel lebten und leben im Grüngürtel. „Es ist wunderbar, alle so nah bei mir zu haben“, sagt das Familienoberhaupt.
Es sind die Menschen
Vielleicht ist das die passendste Geschichte zum Abschluss unserer Serie „Denkmal Grüngürtel“. Denn Denkmalschutz handelt zunächst von Plänen, von Straßen, Häusern, Fassaden, Fenstern und Türen. Doch ein Viertel wird nicht allein deshalb besonders, weil es architektonisch ein lebendes Museum ist. Es sind die Menschen, die darin geboren werden. Die dort Kinder sind. Die fortgehen, zurückkommen, sich erinnern. Ursula Schöppen hat den frühen Grüngürtel als Kind erlebt, als junge Frau verlassen und dann wieder zu ihrem Zuhause gemacht. 96 Jahre Leben, dem dieser Text nur in Ansätzen gerecht werden kann.
In unserer Serie haben wir erzählt, warum der Grüngürtel ein Denkmal ist. Ursula Schöppen erzählt zum Schluss, warum er Heimat ist.

